Wie ich wieder gelernt habe, das Lesen zu lieben
Lesen war für mich lange Zeit etwas, das ich aktiv gemieden habe. Rückblickend glaube ich, dass das weniger mit dem Lesen selbst zu tun hatte, sondern vielmehr mit dem, was ich damit verbunden habe: Schule, Leistungsdruck, Vorlesen vor der Klasse, Zeitdruck und das Gefühl, dass das Lesen benotet wird. Während meiner Schulzeit war Lesen für mich eine echte Tortur. So entstand schließlich eine ziemlich feste Verknüpfung in meinem Kopf. Lesen wird nicht mehr als etwas Ruhiges oder Persönliches wahrgenommen, sondern als etwas Anstrengendes, bei dem es darum geht, Erwartungen zu erfüllen. Dennoch gab es da immer diesen anderen Gedanken. Dass ich eigentlich gerne jemand sein möchte, der liest. Jemand, der in Bücher eintaucht, sich weiterbildet und sich bewusst Zeit für Literatur nimmt. Heute möchte ich dir einen etwas intimeren Einblick in mein Verhältnis zu Büchern geben. In diesem Blogbeitrag erzähle ich dir auch, wie ich wieder gelernt habe, das Lesen zu lieben.
Das richtige Format finden

Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich war, dass Lesen nicht an ein bestimmtes Format gebunden ist. Lange Zeit habe ich versucht, ausschließlich Bücher in Papierform zu lesen, obwohl es mir oft schwerfiel. Konzentrationsschwierigkeiten, Überanstrengung der Augen oder einfach das Gefühl, überfordert zu sein, können dabei eine große Rolle spielen, auch wenn man sie nicht sofort als Ursache erkennt.
Irgendwann wurde mir klar, dass digitale Formate einen großen Unterschied machen können. Ein E-Reader kann viele kleine Barrieren abbauen. Größerer Text, bessere Anpassungsmöglichkeiten und vor allem eine übersichtliche Fortschrittsanzeige haben dafür gesorgt, dass sich das Lesen weniger wie eine unüberwindbare Aufgabe anfühlt, sondern eher wie eine Abfolge kleiner Schritte.
Das eigene Genre finden und Erwartungen loslassen

Ein weiterer Punkt, der oft unterschätzt wird, ist die Frage, mit welcher Art von Büchern man im Laufe seiner Lesesozialisierung tatsächlich in Berührung kommt. Viele Menschen haben durch die Schule oder durch Erwartungen von außen bestimmte Vorstellungen davon entwickelt, wie „gute Literatur“ aussehen sollte. Das vermittelt schnell den Eindruck, dass nur bestimmte Bücher wirklich zählen oder dass man bestimmte Klassiker gelesen haben muss, um als Leser*in ernst genommen zu werden. Diese Denkweise kann jedoch dazu führen, dass das Lesen insgesamt von vornherein als unattraktiv empfunden wird.
Für mich war es wichtig zu verstehen, dass es nicht nur ein „richtiges“ Genre gibt. Es gibt nur das, was für einen selbst funktioniert und einen interessiert. Fantasy, Thriller, Sachbücher, Manga oder Kurzgeschichten erfüllen sehr unterschiedliche Bedürfnisse und haben alle ihre Berechtigung.
Hörbücher als Einstieg zurück ins Lesen

Hörbücher waren für mich ein entscheidender Faktor, um wieder einen Zugang zu Literatur zu finden. Sie haben es mir ermöglicht, Bücher in Alltagssituationen zu integrieren, in denen klassisches Lesen schwerfällt. Beim Spazieren, im Bus oder am Abend im Bett entsteht eine Form der Auseinandersetzung mit Geschichten, die weniger an Konzentrationsleistung gebunden ist.
Interessanterweise hat genau das dazu geführt, dass ich wieder mehr Interesse an Büchern in Papierform entwickelt habe. Nicht als Ersatz, sondern als Erweiterung. Durch Hörbücher sind viele Bücher überhaupt erst wieder in meinen Alltag zurückgekehrt. Außerdem konnte ich Wissen über bestimmte Bücher sammeln, die ich in Papierform sicherlich nie in Angriff genommen hätte, wie zum Beispiel die „Witcher“-Reihe. Große Buchreihen stressen mich irgendwie, weil sie einen gewissen Druck erzeugen. Sie sind umfangreich, und mein Gehirn nimmt das als unüberwindbaren Berg wahr. Aber ich wollte sie trotzdem unbedingt lesen. Also habe ich sie mir als Hörbücher angehört. Auf lange Sicht nimmt das sehr viel Druck weg, und plötzlich hat man eine viel positivere Einstellung zu der ganzen Sache.
Konzentration und äußere Bedingungen

Lesen ist für mich stark davon abhängig, in welchem Zustand ich mich befinde und wie die Umgebung aussieht, in der ich lese. Ich habe lange versucht, mich einfach „hinzusetzen und zu lesen“, unabhängig von allem anderen. In der Realität hat das aber selten gut funktioniert, weil mein Kopf sehr schnell auf äußere und innere Reize reagiert. Deshalb habe ich angefangen, bewusster darauf zu achten, welche Faktoren mich beim Lesen unruhig machen.
Wenn das Handy zum Beispiel in Reichweite liegt, ist es im Hinterkopf ständig präsent. Selbst wenn ich es nicht benutze, zieht es meine Aufmerksamkeit. Deshalb lege ich es mittlerweile oft in einen anderen Raum. Ein weiterer Faktor ist Unordnung. Dinge wie Wäsche, die noch irgendwo herumliegt, Geschirr in der Küche oder andere kleine Aufgaben, die eigentlich noch erledigt werden müssten, erzeugen bei mir im Hintergrund eine Art dauerhafte Unruhe. Mein Kopf bleibt dann nie ganz beim Lesen, weil ein Teil der Aufmerksamkeit immer bei diesen offenen Punkten hängt. Wenn ich wirklich lesen möchte, versuche ich deshalb vorher alles zu erledigen, was mich sonst gedanklich immer wieder rausziehen würde.
Ich vermeide es auch gerne, eine Uhr direkt im Blick zu haben. Sobald ich anfange, die Zeit aktiv zu beobachten, entsteht unnötiger Druck. Stattdessen arbeite ich eher mit einem kleinen, festen Moment, der sich natürlich ergibt. Oft mache ich mir einen Tee oder einen Kaffee, der am Anfang sowieso noch zu heiß ist und setze mich hin. Dieser Moment wird dadurch automatisch zu einem klar abgegrenzten Zeitfenster, das sich nicht streng an einer Uhr orientiert. Es ist ein Zeitraum, der gefühlt festgelegt und gleichzeitig offen bleibt. Während der Tee oder Kaffee langsam abkühlt, lese ich. Ich genieße dann mein Getränk und lese weiter. Ohne Erwartung, wie viel ich schaffen muss oder wie lange ich durchhalten sollte. Meistens entstehen daraus zehn bis fünfzehn Minuten, manchmal auch länger. Aber entscheidend ist für mich nicht die Dauer, sondern dass sich dieser Moment in sich geschlossen und ruhig anfühlt.
Genau diese kleinen Anpassungen haben für mich einen großen Unterschied gemacht, weil sie Lesen aus einem potenziellen Stressmoment herauslösen und in etwas Alltäglicheres und Zugänglicheres verwandeln.
Du darfst Bücher abbrechen

Ich habe sehr lange geglaubt, dass ein Buch abzubrechen so etwas wie ein persönliches Scheitern ist. Dass es bedeutet, dass ich es wieder nicht geschafft habe. Dass ich nicht genug Durchhaltevermögen hatte oder dass ich einfach nicht „gut genug“ bin, um ein Buch zu beenden. Rückblickend merke ich, wie stark dieser Gedanke mit dem Leistungsdruck aus meiner Schulzeit verbunden ist. Lesen war dort selten etwas, das frei gewählt wurde. Bücher wurden vorgegeben, Erwartungen waren klar definiert und das Ziel war nicht unbedingt, Freude daran zu entwickeln, sondern Aufgaben zu erfüllen.
Wenn man in so einem Rahmen aufwächst, fehlt oft die Möglichkeit, wirklich zu lernen, was einem selbst eigentlich gefällt. Bücher werden dann eher zu etwas, das man bewältigen muss, statt zu etwas, das man entdecken darf. Dabei gehört genau dieses Ausprobieren eigentlich dazu. Verschiedene Genres, unterschiedliche Schreibstile und Themen einfach wirken lassen und schauen, was innerlich etwas auslöst und was nicht. Nicht jedes Buch passt zu jedem Menschen und auch nicht zu jeder Lebensphase. Und das ist kein Fehler im System, sondern ein normaler Teil davon, den eigenen Geschmack überhaupt erst zu entwickeln.
Ein Buch abzubrechen bedeutet deshalb nicht, dass man versagt hat. Es bedeutet lediglich, dass man eine Erfahrung gemacht hat. Man hat etwas ausprobiert, eingeordnet und für sich selbst erkannt, dass es gerade nicht passt. Vielleicht lässt sich das am besten mit Essen vergleichen. Man weiß irgendwann ziemlich genau, was einem schmeckt und was nicht. Und diese Klarheit erlangt man nunmal indem man etwas probiert und dann vielleicht einfach stehen lässt. Weil es nicht den eigenen Geschmack entsprach. Genauso ist es mit Büchern. Ein abgebrochenes Buch ist kein verlorenes Buch, sondern ein Schritt hin zu einem besseren Verständnis des eigenen Geschmacks. Und auch der kann sich mit der Zeit weiterentwickeln. Schließlich fand ich Ziegenkäse mit 15 Jahren ja auch noch total eklig.
Welche Gewohnheiten oder Umstände haben bei dir dafür gesorgt, dass Lesen leichter oder wieder schwieriger wurde?
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